Autonomie

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Autonomie

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Au|to|no|mie ‚Ć©f. 19; unz.‚Ć™
1. Recht (von Gemeinden od. Ländern), sich eigene Gesetze zu geben, Selbstverwaltung
2. Unabhängigkeit, Eigengesetzlichkeit; Ggs Heteronomie (1)

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Au|to|no|mie, die; -, -n [griech. autonomiÕÉa]:
1. (bildungsspr.) [verwaltungsmäßige] Unabhängigkeit, Selbstständigkeit:
die A. dieses Landes ist gefährdet;
A. fordern.
2. (Philos.) Willensfreiheit.

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Autonomie
 
[griechisch ¬ĽSelbstgesetzlichkeit¬ę] die, -/...'mi |en, ¬†
 1) allgemein: Unabhängigkeit, Selbstständigkeit.
 
¬†2) Ethik: die Selbstbestimmung des freien Willens, deren der Mensch als vern√ľnftiges Wesen f√§hig ist. Sie ist nach I. Kant der Grund allen moralischen Handelns und aller Verbindlichkeit und Pflicht. Der Mensch bestimmt sich nach Kant in seinem Wollen und Handeln autonom, wenn es ihm nicht um inhaltlich angebbare Ziele geht, sondern allein um das Prinzip der gesetzm√§√üigen G√ľltigkeit seines Handelns. Der Wille ist dann rein formal bestimmt (kategorischer Imperativ). Materiale Bestimmung des Willens dagegen bedeutet Fremdbestimmung (Heteronomie). Die Autonomie als Selbstgesetzgebung der Vernunft macht f√ľr Kant auch das Wesen seiner eigenen kritischen Philosophie aus. Die deutschen Idealisten haben diese Auffassung f√ľr sich √ľbernommen. F. Schiller bestimmt die Kunst als Autonomie, ¬Ľobjektive¬ę Selbstbestimmung des Sinnlichen.
 
¬†3) Psychologie: die relative Eigengesetzlichkeit psychischer Funktionen, einmal, soweit sie der autonomen Person zugeh√∂ren, andererseits, soweit sie dem bewussten Wollen und der Verstandesentscheidung gerade entzogen sind; als funktionale Autonomie der Motive wird die Unabh√§ngigkeit der Motive (Antriebe), die die Verhaltens- und Handlungsweisen eines Individuums bestimmen, von dem urspr√ľnglichen Zweck ihres Entstehens, ihrem prim√§ren Antrieb, verstanden (z. B. das Bed√ľrfnis der Jagd als Selbstzweck, abgel√∂st von ihrem urspr√ľnglichen Ziel, dem Nahrungserwerb). Dieses Prinzip wurde erstmals von G. W. Allport formuliert.
 
¬†4) Recht: Selbstgesetzgebung, Selbstsatzung, das Recht eines Gemeinwesens, die Rechtsverh√§ltnisse seiner Angeh√∂rigen durch Aufstellung bindender Rechtss√§tze zu regeln. Bis 1806 hatten Adelsgenossenschaften, kirchliche Gemeinschaften, St√§dte, Universit√§ten die Autonomie, wobei ihr autonomes Recht dem Reichsrecht vorging; im 19. Jahrhundert bestanden noch Autonomierechte des Adels und der F√ľrstenh√§user, die zum Teil erst nach 1918 beseitigt wurden. Geblieben ist die Autonomie bis heute als wesentlicher Teil der Selbstverwaltung in Gemeinden und Gemeindeverb√§nden, bei Universit√§ten u. a. K√∂rperschaften des √∂ffentlichen Rechts, insbesondere den Berufskammern (√Ąrztekammer, Rechtsanwaltskammer) und den anerkannten Religionsgemeinschaften.
 
Im Tarifrecht spricht man von Tarifautonomie als dem Recht der Tarifparteien (Gewerkschaften, Arbeitgeber), ohne staatliche Beeinflussung Tarifverträge abzuschließen. Im Zivilrecht ist Privatautonomie die dem einzelnen zustehende Befugnis zu freiem Handeln.
 
Im Staats- und Völkerrecht ist Autonomie die rechtlich gesicherte Selbstständigkeit von Teilgebieten eines Staates, denen in bestimmten Fragen, besonders zum Schutz nationaler Minderheiten, eine Selbstverwaltung gewährleistet wird.
 
 
In einzelnen Staaten traten besonders seit dem 19. Jahrhundert Autonomiebewegungen hervor; ihre Triebfeder war der Wille einer bestimmten Volksgruppe oder Region zu nationaler Eigenentwicklung; in ihrer Entstehung hingen sie eng zusammen mit der Bildung modernen Nationalbewusstseins, oft mit dem Widerstand ethnischer und nationaler Minderheiten gegen die Assimilierungstendenzen der Nationalstaaten und Staatsnationen. Die Autonomiebewegungen organisierten sich zum Teil als Partei und suchten auf der Grundlage von Programmen und entsprechenden Aktivitäten Teilen von Staaten und Völkern größere Selbstständigkeit innerhalb des Staates zu verschaffen. Forderungen nach kultureller, wirtschaftlicher und politischer Autonomie machten meist einen Auf- oder Umbau des Staates in föderativem Sinne notwendig. Die Grenzen zwischen der Forderung nach Autonomie oder nach staatlicher Unabhängigkeit sind fließend.
 
Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs waren die Vielv√∂lkerstaaten, besonders das Osmanische Reich, Russland und √Ėsterreich-Ungarn (u. a. B√∂hmen), Zentren von Autonomiebestrebungen. Im Deutschen Reich trat 1871-81 in Elsass-Lothringen eine Partei der ¬ĽAutonomisten¬ę hervor. Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart zeigten sich Autonomiebestrebungen bei den Katalanen (Katalonien) und Basken in Spanien sowie bei den Flamen (Fl√§mische Bewegung) in Belgien, wo die Regierung den fl√§misch-wallonischen Gegensatz (so genannter ¬ĽSprachenstreit¬ę) schrittweise √ľber die Regionalisierung (1970), F√∂deralisierung (1980) und schlie√ülich die Bildung eines Bundesstaates (Verfassungs√§nderungen von 1988 und 1993) zu l√∂sen suchte. In Gro√übritannien ging die Autonomiebewegung der Iren in einen Kampf f√ľr Unabh√§ngigkeit √ľber (1921/22 Konstituierung des Irischen Freistaates mit Dominionstatus, nach Ausscheiden aus dem Commonwealth of Nations seit 1949 unabh√§ngige Republik Irland); in dem bei Gro√übritannien verbliebenen Nordirland formierte sich der Widerstand der irisch-katholischen Minderheit mit dem Ziel einer Wiedervereinigung mit der irischen Republik. Forderungen nach weitgehender Autonomie beziehungsweise nach Unabh√§ngigkeit erhoben immer wieder auch die Schotten (insbesondere die Scottish National Party).
 
In Frankreich ist das Streben nach Autonomie von der Zentralmacht eng mit dem Regionalismus verbunden. In der Bretagne und auf Korsika sind die Autonomiebewegungen besonders einflussreich, auf Korsika mit zum Teil terroristischen Z√ľgen, obwohl ein Autonomiestatut von 1992 der Insel ein eigenes, direkt gew√§hltes Parlament zuspricht.
 
In Italien f√ľhrte die Entwicklung nach 1919 zu starken Autonomiebestrebungen in S√ľdtirol. Die international verankerte Beilegung des Konflikts und die Autonomieregelung der Region (endg√ľltig 1992) gelten als modellhaft.
 
Auch innerhalb der Nachfolgestaaten √Ėsterreich-Ungarns, besonders Jugoslawiens und der Tschechoslowakei, traten nach dem Ersten Weltkrieg Autonomiebestrebungen hervor (Kroatien, Kosovo). Trotz Gliederung Jugoslawiens in autonome Teilrepubliken nach seiner Umwandlung in ein kommunistisches Staatswesen (1945/46) bildeten Autonomieforderungen dort ein innenpolitisches Spannungselement und schlugen nach dem Auseinanderbrechen des Vielv√∂lkerstaats (1990/91) in milit√§rischen Auseinandersetzungen zur Neuordnung der ethnischen Siedlungsgebiete um (Kroatien 1992, 1995; Bosnien und Herzegowina 1992-95).
 
Im Rahmen der RSFSR (gegr√ľndet 1918) und anderer Unionsrepubliken der UdSSR erhielten zahlreiche V√∂lkerschaften Autonomierechte unterschiedlichen Umfangs (zum Teil Zuerkennung einer ASSR oder eines autonomen Gebiets), allerdings wurden traditionelle Siedlungsgebiete h√§ufig durch willk√ľrliche Grenzziehungen zerteilt, √ľberall einheitliche kommunistische Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen durchgesetzt, zumeist gr√∂√üere russische Bev√∂lkerungsteile angesiedelt und privilegiert. Unter der Herrschaft J. W. Stalins entzog man einer Reihe von V√∂lkern wieder ihre formalen Autonomie- beziehungsweise Selbstverwaltungsrechte f√ľr lange Zeit oder g√§nzlich (u. a. 1941 Aufl√∂sung der ASSR der Wolgadeutschen und 1944 von nationalen Gebietseinheiten mehrerer V√∂lker des Nordkaukasus, z. B. der Tschetschenen und Inguschen, sowie Zwangsdeportation dieser Nationalit√§ten). Auch die Titularnationen der Sowjetrepubliken der UdSSR mussten sich den von der russischen Zentralmacht vorgegebenen zentralen Zielen unterordnen.
 
Mit dem Zerfall der Sowjetunion (1991) erlangten die Unionsrepubliken ihre staatliche Unabh√§ngigkeit. Im Rahmen der Russischen F√∂deration versuchten die nationale Republik und viele Gebietseinheiten, ihre Souver√§nit√§t beziehungsweise weit reichende Autonomie zu erwirken; dem entsprachen der F√∂derationsvertrag (1992) und die Verfassung (1993) aber nur begrenzt (durch letztere Beschr√§nkung der Rechte zugunsten einer starken Zentral.-Verw.). Gegen die Unabh√§ngigkeitsbestrebungen Tschetscheniens ging Russland sogar milit√§risch vor (Ende 1994 Intervention russischer Truppen). Auch in Georgien (z. B. Abchasen, S√ľdosseten) und Aserbaidschan (Armenier von Bergkarabach) l√∂sten Forderungen der als Minderheiten dem Staatsverband angegliederten V√∂lker nach Gew√§hrung umfassender Autonomie oder gar der Unabh√§ngigkeit beziehungsweise nach Anschluss ihres Gebietes an andere Staatsterritorien blutige Konflikte aus.
 
Au√üerhalb Europas entstanden ebenfalls verschiedene Autonomiebewegungen. Unter den Frankokanadiern in Quebec entwickelten sich Bestrebungen f√ľr die Souver√§nit√§t und Losl√∂sung von Kanada (bei einem Referendum 1995 nur knappe Abstimmungsniederlage der Separatisten). Die Kurden, deren Siedlungsgebiet durch die Grenzen mehrerer Staaten zerschnitten wird, erreichten im Rahmen ihrer jahrzehntelangen Autonomiebewegung nur in Nordirak nach dem 2. Golfkrieg (1991) eine (allerdings durch h√§ufige Bruderk√§mpfe geschw√§chte) Selbstverwaltung im Rahmen einer UNO-Schutzzone; auf den von der kurdischen PKK zum Teil mit terroristischen Mitteln gef√ľhrten Guerillakrieg f√ľr ein ¬Ľfreies Kurdistan¬ę reagierte die Regierung der T√ľrkei mit dem Einsatz der Armee. Die Autonomiebewegung der Tamilen in Sri Lanka radikalisierte sich ab 1983 zu einem bewaffneten, von der militanten Befreiungsorganisation ¬ĽLiberation Tigers of Eelam¬ę gef√ľhrten Kampf f√ľr einen eigenst√§ndigen tamilischen Staat im Norden und Osten des Landes, wodurch ein blutiger B√ľrgerkrieg mit der singhalesischen Bev√∂lkerungsmehrheit ausgel√∂st wurde. Nachdem erste Verhandlungen √ľber eine Autonomie f√ľr die Pal√§stinenser im Westjordanland und im Gaza-Streifen nach den israelisch-√§gyptischen Abkommen von Camp David vom 17. 9. 1978 beziehungsweise 26. 3. 1979 scheiterten (Abbruch im April 1980), stellten die ersten Autonomieregelungen f√ľr die Pal√§stinenser nach dem Gaza-Jericho-Abkommen vom 13. 9. 1993 beziehungsweise dem ¬ĽKairoer Abkommen¬ę vom 4. 5. 1994, im Autonomieteilabkommen vom 29. 8. 1995 sowie im erweiterten Autonomieabkommen f√ľr das Westjordanland vom 24. 9. 1995 Fortschritte zur L√∂sung des Nahostkonflikts dar (am 20. 1. 1996 Wahlen zum pal√§stinensischen Autonomierat).
 
 5) Regelungstheorie: Regelung.
 

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Au|to|no|mie, die; -, -n [griech. autonomía]: 1. (bildungsspr.) [verwaltungsmäßige] Unabhängigkeit, Selbstständigkeit: die A. dieses Landes ist gefährdet; Die A. der Fraktionen stellt das politisch bedeutsamste Gegengewicht gegen autokratische Tendenzen dar (Fraenkel, Staat 103); A. fordern. 2. (Philos.) Willensfreiheit.

Universal-Lexikon. 2012.


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